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“Ein Interim Manager sitzt nicht neben der Organisation, er arbeitet mitten in ihr”: Ulrich Naumann im Interview
Ulrich Naumann ist Geschäftsführer von HR Consultants und vermittelt seit 1998 Interim Manager in HR und Finance, mit einem Netzwerk von 2.500+ geprüften HR-Managern. Im Interview spricht er darüber, wann sich HR Interim Management lohnt, was ein Mandat kostet und woran Veränderungsprojekte tatsächlich scheitern.
Herr Naumann, seit vielen Jahren vermitteln Sie Interim Manager in HR und Finance. Wie hat sich der Markt verändert?
Der Markt ist deutlich professioneller geworden. Vor zehn oder fünfzehn Jahren wurde Interim Management häufig erst dann in Betracht gezogen, wenn “es brannte”. Das kommt immer noch vor, aber viele Unternehmen setzen Interim Manager heute strategischer ein: Sie kaufen sich für einen begrenzten Zeitraum hochspezialisiertes Management-Know-how genau dann ein, wenn es gebraucht wird. Es geht längst nicht mehr nur um Vakanzüberbrückungen, sondern um Transformationen, Restrukturierungen, Digitalisierung, M&A-Projekte oder den Aufbau neuer Organisationsstrukturen.
Woran machen Sie diese Verschiebung konkret fest?
Unter anderem an den Anfragen, die uns erreichen. So hat uns Anfang Juli 2026 ein Versicherungsunternehmen mit rund 400 Mitarbeitenden kontaktiert. Gesucht wurde ein erfahrener HR Interim Manager, der bestehende Strukturen und Prozesse analysieren und anschließend die umfassende Digitalisierung des HR-Bereichs begleiten sollte. Dafür musste im Team ein bereichsübergreifendes Workflow-Denken etabliert werden. Vermittelt haben wir einen Interim Manager, der diese Form von Transformation bereits mehrfach – auch in anderen Branchen – erfolgreich umgesetzt hatte und dadurch wertvolle Best Practices einbringen konnte. Das Mandat ist auf sechs Monate angelegt. Solche strategischen Veränderungsprojekte begegnen uns heute öfter als noch vor zehn oder fünfzehn Jahren.
In welchen Situationen rufen Unternehmen Sie typischerweise an?
Oft ist der erste Satz am Telefon immer noch: “Wir haben ein Problem und brauchen schnell Unterstützung.” Das kann der kurzfristige Ausfall einer HR-Leitung sein, eine Restrukturierung, ein Betriebsratsprojekt oder eine Unternehmensübernahme. Häufig stehen Unternehmen unter enormem Zeitdruck. Dann geht es nicht darum, in drei Monaten jemanden gefunden zu haben, sondern innerhalb weniger Tage wieder handlungsfähig zu sein. Genau dafür ist Interim Management gemacht.
Erzählen Sie uns von einem Mandat, das Ihnen in Erinnerung geblieben ist.
Da gibt es einige, aber eines stammt aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Das Kundenunternehmen befand sich in der Entwicklung vom börsennotierten Start-up zu einem international tätigen Konzern und wuchs mit hoher Geschwindigkeit auf rund 500 Mitarbeitende an. Mit dem Wachstum fehlten zunehmend belastbare Steuerungsmechanismen und Kennzahlen, um die Entwicklung des Unternehmens professionell zu begleiten.
Wir haben einen erfahrenen Finance Interim Manager vermittelt, der die Leitung Controlling dabei unterstützte, ein aussagekräftiges KPI-System aufzubauen und daraus fundierte Handlungsempfehlungen für das Management abzuleiten. Das Mandat verlief zunächst planmäßig, aber nach etwa sechs Wochen fiel die Leitung Accounting krankheitsbedingt aus. Plötzlich stand der fristgerechte Jahresabschluss auf dem Spiel. Unser Interim Manager konnte dank seiner Erfahrung kurzfristig auch diese Verantwortung übernehmen und den Jahresabschluss termingerecht fertigstellen. Genau diese Fähigkeit, sich auf unvorhergesehene Situationen einzustellen und Verantwortung zu übernehmen, macht Interim Management so wertvoll.
Warum entscheiden sich Unternehmen gegen klassische Beratung und für einen Interim Manager?
Weil das zwei völlig unterschiedliche Leistungen sind. Ein Berater entwickelt Konzepte und gibt Empfehlungen. Ein Interim Manager setzt um und übernimmt dafür Verantwortung: Er führt Gespräche mit Betriebsräten, entscheidet über Personalmaßnahmen, steuert Projekte oder baut Organisationen auf. Er sitzt nicht neben der Organisation, er arbeitet mitten in ihr. Dieser Umsetzungsfokus macht den Unterschied.
Womit müssen Unternehmen finanziell rechnen?
Die Tagessätze richten sich vor allem nach Verantwortung, Projektsituation und der erforderlichen Expertise. Für erfahrene HR Interim Manager oder HR-Generalisten im Mittelstand beginnen sie bei etwa 800 Euro pro Tag. Für HR-Leitungen bewegen sie sich häufig zwischen 1.200 und 1.500 Euro, während auf CHRO- oder Konzernniveau Tagessätze von 1.800 Euro und mehr durchaus üblich sind – jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer.
Entscheidend ist jedoch der wirtschaftliche Gesamteffekt. Bleibt eine Schlüsselposition über mehrere Monate unbesetzt, entstehen durch verzögerte Entscheidungen, stockende Projekte oder ausbleibende Neueinstellungen häufig deutlich höhere Kosten als durch den zeitlich begrenzten Einsatz eines erfahrenen Interim Managers. Das zu unterschätzen, kann den wirtschaftlichen Totalschaden bedeuten.
Was zeichnet einen guten HR Interim Manager aus?
Fachliche Kompetenz ist die Grundvoraussetzung. Entscheidend ist aber etwas anderes: Ein guter Interim Manager muss in kürzester Zeit verstehen, wie ein Unternehmen funktioniert. Er erkennt schnell die formellen und informellen Entscheidungswege, versteht die Unternehmenskultur und gewinnt das Vertrauen von Geschäftsführung, Führungskräften und Mitarbeitenden. Wer dafür Monate braucht, ist im Interim Management fehl am Platz.
Woran erkennen Sie das in der Auswahl, bevor Sie jemanden in Ihr Netzwerk aufnehmen?
Auf Lebensläufe oder Buzzwords verlassen wir uns nicht. Im ersten Gespräch prüfen wir anhand unserer eigenen langjährigen Erfahrung in HR und Finance sehr genau die fachliche Tiefe und vor allem die praktische Projekterfahrung. Uns interessiert beispielsweise, in wie vielen unterschiedlichen Branchen jemand bereits gearbeitet hat, welche Herausforderungen er tatsächlich selbst gelöst hat und wie er dabei vorgegangen ist.
Besonders aufmerksam hören wir zu, wenn Kandidaten komplexe Projekte beschreiben. Wer Zusammenhänge klar und nachvollziehbar erklären kann, hat sie in der Regel auch wirklich verantwortet. Wir beobachten im Gespräch auch, wie jemand seine Rolle versteht. Gute Interim Manager sind keine Besserwisser bei ihren Kunden. Sie integrieren sich schnell in die Organisation und arbeiten gemeinsam mit den Verantwortlichen an tragfähigen Lösungen, auch unter hohem Zeit- und Erfolgsdruck.
Zum Akkreditierungsverfahren gehört für mich auch immer das persönliche Kennenlernen, beispielsweise im Rahmen unserer Netzwerkveranstaltungen wie dem HR- / Fin-Club. Schätzungsweise nehmen wir rund 60 Prozent der Kandidaten dauerhaft in unser Netzwerk auf.
Sie vermitteln neben HR auch Finance Interim Manager. Welche Gemeinsamkeiten sehen Sie?
HR und Finance sind die beiden Bereiche, in denen unternehmerische Entscheidungen besonders sichtbar werden. Restrukturierungen, M&A-Transaktionen, Wachstumsphasen oder Krisen betreffen fast immer beide Funktionen. Wir sehen deshalb häufiger Mandate, in denen HR- und Finance-Interim-Manager parallel eingesetzt werden: Finance übernimmt die wirtschaftliche Steuerung, HR gestaltet die organisatorische Umsetzung.
Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?
Vor ein paar Jahren kam ein internationales Unternehmen aus der Sicherheitstechnik mit rund 4.200 Mitarbeitenden in 50 Ländern und einem Jahresumsatz von etwa einer Milliarde Euro auf uns zu. Im Zuge eines Carve-outs standen viele Ansprechpartner und Fachkompetenzen aus HR und Finance im Mutterkonzern plötzlich nicht mehr zur Verfügung. Also setzten wir parallel Interim Manager für beide Bereiche ein. Bei HR lag der Schwerpunkt auf der Implementierung von SAP SuccessFactors sowie der Stabilisierung der Personalprozesse. Bei Finance unterstützte ein Interim Manager bei komplexen internationalen Steuerfragestellungen und dem Aufbau neuer Strukturen. Beide Funktionen mussten eng zusammenarbeiten, damit die Übergangsphase bis zur dauerhaften Neubesetzung reibungslos funktionierte. Dieses Doppelmandat hat auch uns noch einmal vor Augen geführt, wie eng HR und Finance bei unternehmerischen Veränderungen miteinander verzahnt sind.
Welche Fehler erleben Sie in Veränderungsprojekten immer wieder?
Viele Unternehmen unterschätzen die organisatorische Dimension. Es wird viel über Strategien, Prozesse oder Technologien gesprochen, aber deutlich weniger über Menschen, Führung und Kommunikation. Genau dort scheitern viele Projekte. Eine neue Software allein verändert keine Organisation. Neue Strukturen funktionieren nur, wenn Führungskräfte sie leben und Mitarbeitende sie akzeptieren.
Zum Abschluss: Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die erstmals über Interim Management nachdenken?
Viele warten zu lange. Sie versuchen, personelle Engpässe intern aufzufangen, oder hoffen, dass sich Probleme von selbst lösen. Das führt oft dazu, dass sich Projekte verzögern und Führungskräfte zusätzlich belastet werden. Mein Rat: Interim Management nicht als Notlösung betrachten, sondern als strategisches Instrument. Wer sich frühzeitig externe Managementkompetenz ins Unternehmen holt, gewinnt Zeit, Stabilität und Handlungsspielraum.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Naumann.
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Ulrich Naumann ist Geschäftsführer von HR Consultants und vermittelt seit 1998 Interim Manager in HR und Finance, 4.500+ begleitete Mandate. Alle Beiträge von Ulrich Naumann → /de/ueber-uns/ulrich-naumann